Ökologische Vorrangflächen fördern Kulturlandvögel

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Zusammenfassung
Der Rückgang der Biodiversität im Kulturland ist in weiten Teilen Europas ein dringendes Problem. Ein Lösungsvorschlag geht dahin, von den Landwirten zu verlangen, dass sie ökologische Vorrangflächen anlegen. In der EU wird diskutiert wie hoch der Anteil solcher Vorrangflächen sein sollte und welche Qualität sie aufweisen müssten. In der Schweiz sind ökologische Vorrangflächen seit 15 Jahren Pflicht und damit Gegenstand diverser Forschungsarbeiten. Der Artikel fasst einige aktuelle Arbeiten der Schweizerischen Vogelwarte Sempach zum Thema „Effekte ökologischer Vorrangflächen auf die Kulturlandvögel“ in Form eines „Werkstattberichtes“ zusammen.
Trotz eines durchschnittlichen Anteils ökologischer Vorrangflächen an der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Tallagen der Schweiz von 9,5% liess sich bisher auf nationaler Ebene keine substanzielle Verbesserung der Bestandssituation von typischen Arten des Landwirtschaftsgebietes feststellen. Untersuchungen zeigen, dass neben der Quantität vor allem die ökologische Qualität der Vorrangflächen für das Vorkommen zahlreicher Vogelarten entscheidend ist. Ein wichtiger Aspekt für die Vögel ist dabei die Erreichbarkeit der Nahrung. Lückige Vegetation ist diesbezüglich ein wichtiger Faktor ebenso wie die Sukzession. So ist die Dichte einiger Feldvogelarten in vier- bis sechsjährigen Buntbrachen (Blühstreifen, -flächen) am höchsten.
Mehrere Fallbeispiele dokumentieren, dass sich die Bestände einiger Feldvogelarten mit qualitativ wertvollen ökologischen Vorrangflächen fördern lassen. Aufgrund von statistischen Modellen kann abgeschätzt werden, dass in Ackerbaugebieten rund 14 % hochwertige Lebensräume (Vorrangflächen mit Qualität, naturnahe Lebensräume außerhalb der landwirtschaftlichen Nutzfläche) notwendig sind, um die Bestände von standorttypischen Vogelarten auf beachtliche Siedlungsdichten ansteigen zu lassen.
Die Landwirte spielen bei der Umsetzung von Aufwertungsmaßnahmen die zentrale Rolle. Wir konnten zeigen, dass Landwirte, die eine gesamtbetriebliche Beratung erhalten haben, mehr Leistung für die Biodiversität erbringen. Die 24 im Rahmen eines Projektes beratenen Landwirte stimmten zu, den Anteil von Vorrangflächen mit Qualität auf ihren Betrieben von 3,3 auf 8,7 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche zu steigern.
Im selben Projekt wurde ein Instrument entwickelt, mit welchem die verschiedenen Maßnahmen zur Lebensraumaufwertung mit Punkten bewertet werden. Eine Erfolgskontrolle auf 133 Betrieben zeigt, dass sich dieses Bewertungsinstrument sehr gut eignet, um die Leistung von landwirtschaftlichen Betrieben zugunsten der Biodiversität objektiv abzubilden. In der Schweiz werden naturnah und umweltfreundlich produzierte Labelprodukte stark nachgefragt. Die Vereinigung der integriert produzierenden Landwirte (IP-Suisse) setzt stark auf die Förderung der Biodiversität und verlangt von ihren Labelproduzenten eine bestimmte Leistung im Bereich Biodiversität. Diese wird mit dem oben erwähnten Punktsystem gemessen. Biodiversität wird damit zu einem Mehrwert, der über höhere Produzentenpreise in Wert gesetzt werden kann.

Einleitung
Die Europäische Union hat sich zum Ziel gesetzt, den Verlust der Biologischen Vielfalt zu stoppen. Da die Landwirtschaft in der EU 41 % der Fläche beansprucht, ist es unabdingbar, die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) auf ökologische Effizienz und Nachhaltigkeit auszurichten. Ein erklärtes Ziel der EU-Kommission ist eine „grünere“, d.h. natur- und umweltverträgliche GAP. Über dieses sogenannte „Greening“ soll erstmals eine Ökologisierungskomponente in die GAP eingefügt werden. Landwirte, die Fördergelder erhalten, sollen Maßnahmen mit einem Nutzen für den Natur-, Umwelt- und Klimaschutz erbringen, die über die bestehenden Cross Compliance-Anforderungen hinausgehen.
Vorgesehen sind unter anderem Regelungen, wonach ökologische Vorrangflächen angelegt werden müssen („Flächennutzung im Umweltinteresse“ gemäß EU-Kommission). Wie hoch der Anteil solcher ökologischer Vorrangflächen sein muss, ist zurzeit Gegenstand umfassender Diskussionen.
Naturschutzorganisationen fordern mindestens 10 %, die EU-Kommission schlägt 7 % vor, während andere Stellen von 3 % ausgehen (OPPERMANN et al., 2012). In der Schweiz sind 7 % ökologische Vorrangflächen seit 1998 unter dem Begriff „ökologische Ausgleichsflächen“ 3 Teil des „ökologischen Leistungsnachweises“ (Cross Compliance). Diesen muss jeder Landwirt erfüllen, um staatliche Direktzahlungen zu erhalten (SCHWEIZERISCHER BUNDESRAT, 1992). Die Landwirte können 16 verschiedenen Typen wählen. Es werden vorwiegend Typen gewählt, die auch einen gewissen Ertrag ermöglichen. Am häufigsten werden extensiv genutzte Wiesen angelegt (6,5 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche LN in den Tallagen). Diese dürfen nicht gedüngt werden und der erste Schnitt darf im Talgebiet frühestens am 15. Juni erfolgen. Hochstammobstbäume nehmen 4,5% der Nutzfläche ein (pro Baum wird eine Are angerechnet) und sind somit der am zweithäufigsten angemeldete Typ. Nicht nutzbare ökologische Vorrangflächen wie Bunt- oder Rotationsbrachen4 (0,33 rsp. 0,1 % der LN) und Hecken (0,33 der LN) haben zwar einen nachweislich hohen positiven Einfluss auf die Biodiversität, werden aber nur selten angelegt (BLW 2012). Seit Einführung der ökologischen Vorrangflächen wird auch in der Schweiz über den notwendigen Anteil diskutiert. Sehr früh wurde aber auch die Qualität der vorhandenen Vorrangflächen und deren räumliche Verteilung kritisiert. Die Schweizer Behörden haben darauf reagiert und fördern seit 2002 die Qualität und Vernetzung der Vorrangflächen in der Öko-Qualitätsverordnung ÖQV (SCHWEIZERISCHER BUNDESRAT, 2001). Je 25-30% der extensiv genutzten Wiesen, Streuobstfl ächen und Hecken erreichen die Qualitätsstufe (ÖQV-Qualität), die bei den Wiesen über die botanische Zusammensetzung und bei den anderen Typen über strukturelle Merkmale definiert wird (BLW, 2012).
Die Schweizerische Vogelwarte Sempach widmet sich seit Jahren den Fragen zum Schutz und zur Förderung der Vögel im Landwirtschaftsgebiet. In den letzten Jahren wurden die Resultate aus verschiedenen Projekten veröffentlicht oder stehen kurz vor der Veröffentlichung. Im Sinne eines Werkstattberichtes werden hier einige dieser Resultate vorgestellt. Insbesondere soll die Frage beantwortet werden, ob mit ökologischen Vorrangflächen der Rückgang der Biodiversität, insbesondere der Vogelarten im Kulturland, aufgehalten oder gar rückgängig gemacht werden kann. Weiter wird aufgezeigt, welche Voraussetzungen es braucht, damit ökologische Vorrangflächen tatsächlich angelegt werden.

Material und Methoden
Zu Beginn der 1990er Jahre startete die Vogelwarte in mehreren geografisch und klimatisch unterschiedlichen Regionen der Schweiz langfristig angelegte Projekte, die zum Ziel hatten, Agrarlandschaften mit einem hohen Potenzial für die Biodiversität aufzuwerten. In enger Zusammenarbeit mit lokalen Landwirten, kantonalen und kommunalen Behörden sowie anderen wichtigen Akteuren (Jagd, Naturschutz usw.) wurden ökologische Vorrangflächen angelegt. Zudem wurden naturnahe Lebensräume außerhalb der landwirtschaftlichen Nutzflächen angelegt respektive aufgewertet, z.B. größere Teiche erstellt oder Schutzgebiete erweitert. Die Entwicklung der Lebensräume und der Brutvögel wurden im Sinne einer Erfolgskontrolle dokumentiert.
Das Große Moos (46°48‘ N, 7°07‘ E, 430 m ü.M., 77 km²) war bis Ende des 19. Jahrhunderts ein unwegsames Sumpfland mit vielen Flussauen. Umfangreiche Gewässerkorrektionen, die bis 1973 dauerten, veränderten die Landschaft grundlegend. Heute ist es eine intensiv genutzte Agrarlandschaft mit einem hohen Anteil an Gemüsebau, aber auch Ackerland und Grünland. Die ökologischen Aufwertungsmaßnahmen werden von der Stiftung „Biotopverbund Großes Moos“ koordiniert. Einige umfangreiche Renaturierungen konnten als Ersatzmaßnahmen für Straßenbauprojekte realisiert werden. Zwischen 1995 und 2010 erfassten wir alljährlich den Bestand von 24 Kulturlandvogelarten auf der gesamten Kulturlandfläche. Der Klettgau im Kanton Schaffhausen (450 m ü.M.) ist eine Ackerbauregion mit mildem und trockenem Klima. Die drei Teilregionen Widen (5,3 km², 47°42’N, 8°31’E), Langfeld (2,1 km², 47°41’N, 8°29’E) und Plomberg (4,6 km², 47°40’N, 8°27’E) wurden näher untersucht. 2012 wies das Teilgebiet Widen14,2%, das Teilgebiet Langfeld 5,3% und das Teilgebiet Plomberg 5,1% ökologische Vorrangflächen auf. Die Region Orbe (46° 40’ N, 6° 32’ E, 445-695 m ü.M) liegt in der Westschweiz am Rande des Juras. Obwohl hier nie ein Aufwertungsprojekt stattfand, legten Landwirte auf 89 km² Kulturland zahlreiche Buntbrachen an. Ein Mitarbeiter der Vogelwarte kartierte in den Jahren 2004 bis 2011 die Avifauna von insgesamt 67 Brachen.
Im Projekt „Mit Vielfalt punkten – Bauern beleben die Natur“ erproben wir in Kooperation mit dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick (FiBL) und zusammen mit zahlreichen Betriebsleitern Maßnahmen zur Biodiversitätsförderung auf Landwirtschaftsbetrieben. Im Rahmen dieses Projektes boten wir 24 Landwirten eine gesamtbetriebliche Beratung an. Naturschutzberater schlugen auf den Betrieb angepasste ökologische Aufwertungsmaßnahmen vor und berechneten die Auswirkungen der vorgeschlagenen Maßnahmen auf die Nährstoffbilanz, die Raufutterbilanz, die Arbeitsbelastung und das Einkommen (gesamtbetrieblichen Deckungsbeitrag). Auf Basis dieser Berechnung und mit Hilfe von verschiedenen im Rahmen des Projekts entwickelten Beratungsinstrumenten wie Punktesystem (JENNY et al., 2009) und Leitartenset (GRAF et al., 2010) legten Berater und Betriebsleiter gemeinsam massgeschneiderte Massnahmen für den Betrieb fest. Diese Zielvorstellung wurde von beiden Seiten im Rahmen einer Vereinbarung unterzeichnet.
Das Punktesystem wurde aufgrund der vorhandenen Literatur und eigener Erfahrungen gutachterlich erstellt. Es umfasst 32 bewährte Fördermaßnahmen, die mit Punkten belohnt werden. Am meisten Punkte lassen sich mit ökologischen Vorrangflächen erzielen. Dabei werden deren Anteil an der landwirtschaftlichen Nutzfläche, die ökologische Qualität und die räumliche Anordnung bewertet. Weitere Punkte gibt es für Maßnahmen im Grünland (z.B. gestaffelte Wiesennutzung), im Ackerland (z.B. Feldlerchenfenster, Herbizidverzicht) oder für spezielle Maßnahmen (z.B. Förderung der genetische Vielfalt oder von Zielarten). Das Punktesystem kann vom Landwirt selber ausgefüllt werden und soll ihm zeigen, wie viel er zur Förderung der Biodiversität bereits leistet beziehungsweise welche zusätzlichen Maßnahmen möglich wären. Von 2009 bis 2011 wurde auf 133 Betrieben zwischen Bern und Zürich geprüft, wie gut das Punktesystem mit der Biodiversität korreliert. Alle Betriebe lagen unterhalb 800 m ü.M., umfassten sowohl Acker- als auch Grasland und waren zwischen 20 und 30 ha groß, was dem Schweizer Mittelwert entspricht. Auf diesen Betrieben erfassten wir Pflanzen, Heuschrecken und Tagfalter auf Transekten mit einer Gesamtlänge von 2500 m pro Betrieb sowie die Brutvögel mit Hilfe einer flächigen Revierkartierung (BIRRER et al., 2009; JENNY et al., 2013). Als Indikatoren für die Biodiversität verwendeten wir Artenzahl und Revieredichte aller Arten einer Gruppe. Zusätzlich verwendeten wir auch Artenzahl und Revierdichte der Arten gemäß den Umweltzielen Landwirtschaft (BAFU und BLW, 2008) bzw. Vorkommen von Arten der Roten Liste pro Gruppe, so dass insgesamt 19 Biodiversitätsindikatoren verwendet werden konnten.
Für eine genauere Beschreibung der Untersuchungsgebiete und Methoden verweisen wir auf die entsprechenden Originalpublikationen.

Ergebnisse und Diskussion
Qualität der ökologischen Vorrangflächen Trotz eines durchschnittlichen Anteils ökologischer Vorrangflächen an der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Tallagen der Schweiz von 9,5 % im Jahr 2011 (ohne Hochstamm-Obstbäume; BLW, 2012), konnte bisher national noch kaum eine Erholung bei der für das Landwirtschaftsgebiet typischen Biodiversität festgestellt werden (LACHAT et al., 2010). Bei den Brutvögeln verläuft der Swiss Bird Index SBI® UZL Leitarten (UZL = Umweltziele Landwirtschaft, BAFU und BLW 2008) zwar ohne Trend (Abb. 1), die Zielarten nehmen im Bestand aber massiv ab (BIRRER et al., 2011). Schon frühwurde postuliert, dass der geringe Einfl uss der ökologischen Vorrangflächen auf die Biodiversität mit deren fehlenden ökologischen Qualität in Zusammenhang steht (BIRRER et al. 2007). Aktuelle Auswertungen der Daten aus dem Klettgau bestätigen diese Vermutung. Mit generellen linearen gemischten Modellen (GLMM) wurde getestet, ob ein Zusammenhang zwischen verschiedenen Lebensraumfaktoren und der Revierdichte von neun Brutvogelarten (auf einem Raster mit Zellengrösse 4 ha) beziehungsweise der Zähldichte der Feldhasen (Raster mit Zellengrösse 25 ha) besteht. Unter den unabhängigen Variablen waren unter anderem die Flächenanteile von „Brachen“ (Bunt- und Rotationsbrachen), „Öko-Wiesen mit Qualität“ (extensiv und wenig intensiv genutzte Wiesen mit ÖQV-Qualität) und „Öko-Wiesen ohne Qualität“ vertreten. Dabei zeigte sich bei sechs von zehn untersuchten Arten, dass die Siedlungsdichte mit der Brachefläche zunahm. Bei drei Arten gab es einen positiven Zusammenhang zwischen dem Anteil der Öko-Wiesen mit Qualität und der Revierdichte (Neuntöter, Gold- und Grauammer). Hingegen fand man bei keiner Art einen Zusammenhang zwischen dem Anteil von Öko-Wiesen ohne Qualität und der Siedlungsdichte (MEICHTRY-STIER et al. in Vorb.). Neben den ökologischen Vorrangflächen mit Qualität (Brachen und Wiesen) hatten zudem die naturnahen Lebensräume (Hecken, Graben- und Bahnböschungen, Kiesgruben) einen positiven Einfluss auf sechs Arten.

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Abb. 1 Swiss Bird Index SBI® Umweltziele Landwirtschaft. Unterschieden wird zwischen Leitarten (grün, N=20 Arten) und Zielarten (rot, N=27). Erstere sind typisch für bestimmte Lebensraumtypen und meist nicht besonders selten. Unter den Zielarten fi nden sich jene, die zum Überleben auf Artenschutzmaßnahmen angewiesen sind. Der Index im Jahr 1990 wurde auf 100 festgelegt (BIRRER et al., 2011, aktualisiert).

Ein besonders wichtiger Aspekt der Qualität eines Lebensraumes für die Vögel ist die Zugänglichkeit zur Nahrung. In mehreren Studien zeigte sich, dass die dichte Vegetation in intensiv genutzten Kulturen dazu führt, dass die Vögel die noch verbleibende Nahrung gar nicht mehr erreichen. Dies gilt auch für ökologische Vorrangflächen. So beherbergen Buntbrachen zwar mehr Mäuse als die umliegenden Kulturen, Turmfalken können diese Nahrungsquelle aber nur im Winter nutzen, wenn die Vegetation tief ist (ASCHWANDEN und BUNER, 2006). In der Vegetationszeit suchen Turmfalken und Waldohreulen hingegen die Nahrung bevorzugt auf frisch geschnittenen Flächen, die an Buntbrachen angrenzen. Dort ist die Erreichbarkeit der Mäuse optimal und das Angebot an Mäusen, die kurzzeitig die Brache verlassen, genügend groß (ASCHWANDEN et al., 2005). Beim Gartenrotschwanz konnte inzwischen experimentell gezeigt werden, dass er die Nahrung in dichter Grasvegetation nicht erreichen kann und deshalb die Nahrung bevorzugt an Stellen mit lichter Vegetation sammelt (MARTINEZ et al. 2010). Ihre Nahrung suchen auch Wiedehopf, Wendehals und Heidelerche bevorzugt in lückiger Vegetation (SCHAUB et al., 2008; SCHAUB et al., 2010).

Zeitliche Dynamik
Wie bei allen vom Menschen stark geprägte Lebensräumen unterliegt die Vegetation der ökologischen Vorrangflächen einer zeitlichen Entwicklung. Dies hat einen direkten Einfl uss auf deren Qualität als Lebensraum für Tiere. Besonders rasch verläuft diese Vegetationsentwicklung bei den Buntbrachen. Im ersten Jahr ist deren Vegetation noch recht lückig und niedrig. In den Folgejahren dominieren zunehmend höhere, mehrjährige Blütenpflanzen und Gräser und die Vegetation wird dichter und die Zahl der Pflanzenarten nimmt ab. Aber selbst alte Brachen weisen Lücken auf, denn wo viel abgestorbenes Pflanzenmaterial anfällt, wird das Aufkommen neuer Pflanzen verhindert. Im Alter von fünf bis sechs Jahren wachsen die ersten Sträucher auf, Brombeerdickichte können entstehen und bieten so neue Lebensraumstrukturen. Im Gegensatz zu spontan begrünten Brachen lässt sich die Vegetationsentwicklung von Bunt- und Rotationsbrachen durch die Wahl der Mischungen zumindest in den ersten Jahren lenken. Häufig wird die Meinung vertreten, dass Brachen für Vögel bereits nach wenigen Jahren ihre Qualität als Lebensraum einbüßen würden, und dass vor allem die zwei bis dreijährigen Brachen wertvoll seien. Die Daten zur Avifauna auf Brachflächen aus dem Gebiet Orbe erlauben eine Auswertung zur Frage, wie sich die Größe und das Alter auf den Vogelreichtum auswirken. Wir konnten zeigen, dass die Größe zwar einen Einfl uss auf die Zahl der Brutpaare, nicht aber auf die Revierdichte hat. Hingegen hat das Alter der Brache einen entscheidenden Einfluss sowohl auf die Revierdichte der meisten untersuchten Vogelarten als auch auf die Artenzahl (ZOLLINGER et al., 2013). Die maximale Revierdichte wird bei fünf von acht Arten in fünf bis sechsjährigen Brachen erreicht, selbst für die Feldlerche, welche niedrige und lückige Vegetation bevorzugt, liegt das optimale Alter bei vier Jahren. Die Pflicht, dass Brachen nach sechs Jahren umzubrechen seien, sollte im Licht dieser Auswertungen überprüft werden. Allerdings sind Verallgemeinerungen dieser Ergebnisse vorsichtig anzugehen, denn unter anderen Klimaverhältnissen oder auf anderen Böden kann die Vegetationsentwicklung unterschiedlich schnell voranschreiten.

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Abb. 2 Artenzahl und Revierdichte von Vogelarten auf Buntbrachen unterschiedlichen Alters im Gebiet Orbe. Farbige Linien = Revierdichte einzelner Arten; Schwarze Linie = Artenzahl; graue Fläche: Konfidenz Intervall zur Kurve Artenzahl. Aus ZOLLINGER et al. (2013).

Einen Einfluss des Faktors Zeit ist nicht nur auf Ebene der Einzelfläche, sondern auch auf Landschaftsebene festzustellen, wie die Auswertungen aus dem Feldhasen-Monitoring der Schweiz zeigen (ZELLWEGER-FISCHER et al., 2011). Im Rahmen dieses Projektes wurden seit den frühen 90er Jahren auf 43 Zählflächen des Schweizer Mittellandes regelmäßig Feldhasenzählungen durchgeführt. Zu Beginn der Untersuchungen konnte in den Ackerbaugebieten (n=29) noch kein Einfl uss von extensiv genutzten Wiesen auf den Bestand festgestellt werden, in den Grünlandgebieten (n=14) gab es sogar einen negativen Zusammenhang zwischen dem Hasenbestand und dem Anteil extensiv genutzter Wiesen. Im Verlauf der Zeit blieb der Hasenbestand auf Flächen mit einem geringen Anteil extensiv genutzter Wiesen konstant tief. In Gebieten mit einem hohen Anteil an extensiv genutzten Wiesen stieg der Bestand hingegen an, so dass mittlerweile ein Zusammenhang zwischen Anteil extensiv genutzter Wiesen und Feldhasenbestand nachgewiesen werden kann (Abb. 3).

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Abb. 3 Feldhasendichte auf 24 Zählflächen in Ackerbaugebieten in Abhängigkeit von der Dichte extensiv genutzter Wiesen (ExtW(%)) und der Zeit. Aus ZELLWEGER-FISCHER et al. (2011).

 

Einfluss auf Brutvogelbestände
Die bisherigen Beispiele zeigen, dass qualitativ wertvolle ökologische Vorrangflächen stärker von Leit- und Zielarten besiedelt werden als solche ohne Qualität. Die Frage, ob sich solche wertvollen Vorrangflächen auf den regionalen Bestand der Brutvogelarten auswirken, blieb bisher offen. Die Bestandsaufnahmen ausgewählter Brutvogelarten im Großen Moos geben erste Hinweise. Im gesamten Untersuchungsgebiet fanden wir von 1995 bis 2010 einen leichten aber signifikanten Anstieg der Artenzahl, jedoch keine Tendenz bei der Anzahl Brutpaare (BIRRER et al., 2013). Unterteilt man das ganze Gebiet in Teilflächen, fällt auf, dass es Teilflächen gibt, die nur Vogelarten mit Bestandsabnahmen aufweisen. In anderen Teilgebieten überwiegen Arten mit Bestandszunahmen deutlich. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass diejenigen Teilgebiete mit einem hohen Anteil an ökologischen Vorrangflächen zu den Gewinnern gehören, diejenigen mit wenig Vorrangflächen zu den Verlierern (Abb. 4).

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Abb. 4 Anzahl Vogelarten mit positiven respektive negativen Trends in Teilgebieten im Großen Moos. Grüne Säulen = Anzahl Arten mit positivem Trend; rote Säulen = Anzahl Arten mit negativem Trend. Die Teilgebiete H10, Zentrum und Witzwil weisen mehr ökologische Vorrgangflächen auf als die anderen. Aus BIRRER et al. (2013).

Im Klettgau wurde der Bestand von neun Brutvogelarten und des Feldhasen seit 1999 überwacht. In dieser Zeit entstanden im Teilgebiet Widen zahlreiche ökologische Vorrangflächen mit Qualität (2002 5,9 %, 2012 12,2%), während der Anteil an der Vorrangflächen mit Qualität in den beiden anderenTeilgebieten bei etwa 4 % verharrte. In der Folge nahmen die Bestände von sieben der neun untersuchten Vogelarten und des Feldhasen im Gebiet Widen zu, in den beiden anderen Gebieten wiesen nur je zwei Arten eine Zunahme auf während eine respektive drei Arten sogar im Bestand abnahmen (Tab. 1, Abb. 5 und 6, MEICHTRY-STIER et al., in Vorb.). Diese und weitere Beispiele (z.B. Champagne genevoise, Kanton Genf; BIRRER und OPPERMANN, 2012) zeigen, dass es durchaus möglich ist, den Bestand von Brutvögeln aber auch Säugetieren und Wirbellosen auf Landschaftsebene (mehrere km²) durch ökologische Aufwertungsmaßnahmen markant zu erhöhen. 

Tab. 1 Trend der Populationsentwicklung von neun Brutvogelarten und des Feldhasen in den drei Teilgebieten des Klettgaus. Daten wurden von 1999 bis 2012 erhoben. Die Schätzungen stammen aus linearen Regressionsmodellen basierend auf der Revierdichte (Reviere/km2). Signifi kanzniveaus: *: p < 0,05, **: p < 0,01, ***: p < 0,001. Aus MEICHTRY-STIER et al., in Vorb.

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Abb. 5 Entwicklung der Revierdichte der Grauammer in drei Teilflächen des Klettgaus. Grüne Punkte = aufgewertete Teilfläche Widen; blaue Quadrate = Teilfläche Langfeld; rote Dreiecke = Teilfläche Plomberg. Verändert aus MEICHTRY-STIER et al. in Vorb.

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Abb. 6 Populationsentwicklung des Feldhasen in drei Teilflächen des Klettgaus. Grüne Punkte = aufgewertete Teilfläche Widen; blaue Quadrate = Teilfläche Langfeld; rote Dreiecke = Teilfläche Plomberg. Aus MEICHTRY-STIER et al. in Vorb.

Flächenbedarf für Leit- und Zielarten
Es stellt sich somit die Frage, wie groß der Anteil Vorrangflächen mit ökologischer Qualität in einer Landschaft sein muss, um Auswirkungen auf den Bestand von Leit- und Zielarten zu haben. Wir haben dazu Zielwerte für die Revierdichte der im Klettgau untersuchten Vogelarten defi niert (Tab. 2). Diese Zielwerte entsprechen relativ hohen Revierdichten, die aber in anderen Regionen der Schweiz oder in Deutschland in vergleichbaren Ackerbaugebieten erreicht werden. Diese Zielwerte setzten wir in die oben beschriebenen Modelle zur Abhängigkeit der Revierdichte vom Lebensraumangebot ein, wobei wir den Anteil Brachen variierten, alle anderen Variablen aber auf den im Klettgau vorhandenen Mittelwert setzten. Der so gefundene Mindestbedarf an Brachen variiert je nach Art beträchtlich und liegt im Schnitt bei rund 7 % (Tab. 2). Zusammen mit den Öko-Wiesen mit Qualität (Mittel 4,7 %) und den naturnahen Lebensräumen (2,5 %) ergibt dies einen Wert von rund 14 % qualitativ hochwertigen Lebensräumen (MEICHTRY-STIER et al., in Vorb.).

Tab. 2 Geschätzter Anteil Brachen, der notwendig ist, damit Vogelarten eine bestimmte Zieldichte erreichen.
Berücksichtigt sind jene Arten, bei denen im Klettgau ein Zusammenhang zwischen Dichte der Buntbrache und Revierdichte gefunden wurde. – = Zieldichte kann nicht erreicht werden. Aus MEICHTRY-STIER et al. in Vorb.

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Umsetzung
Trotz ermutigenden Fallbeispielen ist der Anteil an ökologischen Vorrangflächen mit Qualität in der Schweiz vor allem in den ackerbaulich genutzten Gunstlagen noch sehr tief (< 2% der landwirtschaftlichen Nutzfläche; Walter et al. 2013). Bisher war das generelle Interesse der Landwirte für ökologisch wertvolle Vorrangflächen aus verschiedenen Gründen sehr gering (JAHRL et al. 2012). Resultate aus dem Projekt „Mit Vielfalt punkten“ zeigen aber, dass sich die Leistung der Landwirte zugunsten der Biodiversität unter deutlich verbessern ließe. So unterzeichneten alle 24 Landwirte, die eine gesamtbetriebliche Beratung erhalten haben, eine freiwillige Vereinbarung und versprachen darin, umfangreiche Maßnahmen auf dem Betrieb umzusetzen und insbesondere den Anteil und die Qualität der Vorrangflächen auf ihrem Betrieb deutlich zu erhöhen (Abb. 7). Interessant ist, dass die meisten Landwirte sogar mehr Maßnahmen in die Vereinbarung aufnahmen, als ursprünglich vom Berater vorgeschlagen. Im Verlauf der Gespräche realisierten viele Landwirte, dass ökologische Vorrangflächen nicht nur ökologische, sondern auch betriebliche und ökonomische Vorteile haben können. Tatsächlich erhöhte sich der Deckungsbeitrag (Ertrag pro ha Kulturland) nach Umsetzen der Maßnahmen im Schnitt pro Betrieb um CHF 3491 (CHEVILLAT et al., 2012). Dafür verantwortlich sind zusätzliche Direktzahlungen des Bundes für die neuen ökologischen Vorrangflächen. 

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Abb. 7 Durchschnittlicher Anteil ökologischer Vorrangflächen (Total) und ökologischer Vorrangflächen mit Qualität (Qualität) auf 24 Betrieben vor der gesamtbetrieblichen Beratung (rote Balken) und nach der Vereinbarung (grüne Balken). Die Linien geben den Standardfehler an. Aus CHEVILLAT (2012), verändert.

Viele Landwirte können ihre Leistung zugunsten der Biodiversität schlecht einschätzen. Das von uns entwickelte Punktesystem bietet eine Hilfe, einerseits die eigene Leistung zu beurteilen und andererseits eventuelle Defi zite durch Aufwertungsmaßnahmen zu beheben. Wir mussten aber vorerst noch den Nachweis erbringen, dass die Anzahl Punkte effektiv ein geeignetes Maß für die Artenvielfalt ist. Zu diesem Zweck testeten wir auf 133 Betrieben, ob die erzielten Punkte mit der Biodiversität korrelieren. Von den 19 getesteten Biodiversitätsindikatoren korrelierten 14 signifikant mit dem Punktesystem. Keinen Zusammenhang fanden wir bei den Arten der Roten Liste und bei der Zahl der Heuschreckenarten (BIRRER et al., in Vorb.). Das Punktesystem ist damit ein gutes Maß für Artenzahl und Individuendichte der Landwirtschaftsarten auf dem Betrieb. Das Vorkommen von Arten der Roten Liste kann es jedoch nicht voraussagen, dies dürfte vor allem mit der Lage der Betriebe im intensiv genutzten Mittelland zu erklären sein, auf denen viele dieser selten Arten nicht mehr vorkommen. Das Punktesystem stieß auch bei den landwirtschaftlichen Organisationen auf ein großes Interesse. Kurz nach Projektstart im Jahr 2009 entschied sich die Vereinigung der integriert produzierenden Bauern und Bäuerinnen, IP-Suisse, konkrete Kriterien für die Biodiversität in ihren Label-Produktionsrichtlinien zu definieren. Insbesondere wurde das Punktesystem übernommen und festgelegt, dass bis 2013 alle IP-Suisse Label-Produzenten eine Mindestpunktezahl erreichen müssen. Das führte in der Folge zu einer starken Zunahme an wertvollen öAF. So nahm beispielsweise der Anteil von ökologischen Vorrangflächen mit Qualität an der landwirtschaftlichen Nutzfläche von 5,5 % im Jahr 2010 auf 7,9 % im Jahr 2012 zu. IP-Suisse Produkte werden unter anderem beim größten Schweizer Detailhändler unter dem Namen TerraSuisse angeboten. Dieses Label erzielte 2011 einen Umsatz von 664 Millionen CHF. Auch Bio Suisse, der Dachverband der biologisch produzierenden Betriebe, verlangt seit 2012 von seinen Mitgliedern, dass sie eine Anzahl Maßnahmen aus einem vorgegebenen Katalog umsetzen. Dieser Maßnahmenkatalog orientiert sich am Punktesystem. Die beiden Beispiele zeigen, dass viele Schweizer Konsumenten bereit sind, die Leistung der Landwirte für die Biodiversität über höhere Preise zu honorieren. Dank der Konkurrenz zwischen Großverteilern und zwischen Labels entwickelte sich die Biodiversität zu einem beachtlichen Vermarktungsfaktor. Die Biodiversität wurde unter anderem auch in der Werbung vermehrt thematisiert. Dieses Engagement landwirtschaftlicher Organisationen und Detailhändlern zur Förderung der Biodiversität ist bemerkenswert, weil sich der Schweizer Bauernverband gegenüber zusätzlichen ökologischen Leistungen bisher sehr passiv verhielt. Der Erfolg der erwähnten Programme für eine naturnahe und biodiversitätsfreundliche Landwirtschaft stärkt die Bestrebungen des Bundes, die Agrarpolitik noch ökologischer und nachhaltiger zu gestalten und die Schweizer Landwirtschaft auf eine Qualitätsstrategie auszurichten.

Dank
In erster Linie möchten wir den Landwirten danken, die uns erlaubten auf ihren Betrieben zu arbeiten, uns zahlreiche wichtige Informationen zur Verfügung stellten und uns wertvolle Gedankenanstöße gaben. Die hier vorgestellten Arbeiten waren nur möglich dank des großen Einsatzes zahlreicher Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Feld beim Erfassen wie auch beim Auswerten der Daten. Die Projekte wurden durch diverse Ämter und Stiftungen finanziert. An dieser Stelle sei allen erwähnten Personen und Institutionen herzlich gedankt.

(3) Ab 2014 werden sie als „Biodiversitätsförderflächen“ bezeichnet.
(4) Sowohl Bunt- als auch Rotationsbrachen dürfen nur auf Ackerflächen angelegt werden und müssen mit speziellen, artenreichen Mischungen angesät werden. Buntbrachen werden sechs Jahre, Rotationsbrachen 2-3 Jahre ohne flächige Pflege belassen.

Simon Birrer¹*, Markus Jenny¹, Fränzi Korner-Nievergelt¹³, Kim Meichtry-Stier¹, Lukas Pfiffner¹², Judith Zellweger-Fischer¹, Jean-Luc Zollinger 4
¹ Schweizerische Vogelwarte, Seerose 1, CH – 6204 Sempach
²: Forschungsinstitut für biologischen Landbau, (FiBL), Ackerstrasse, CH – 5070 Frick
³: oikostat GmbH, CH – 6218 Ettiswil
4: Ch. du Bochet 16, CH – 1032 Romanel-sur-Lausanne
*Korrespondierender Autor, simon.birrer@vogelwarte.ch, +41(0)414629738

Erschienen im Julius-Kühn-Archiv 442 (2013): Fachgespräch „Agrarvögel – ökologische Bewertungsgrundlage für Biodiversitätsziele in Ackerbaugebieten“ 01.-02. März 2013, Kleinmachnow

 

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